Die Klippen von Finis Terrae
Wie die Gesandten Atriums einige Tage an den westlichen Klippen Galiziens verbringen.
Es ist Mittwoch, der 27. März 1202. Die Reisenden, die sich für den Besuch bzw. das weiträumige Umgehen Santiago de Compostellas kurzzeitig getrennt hatten, treffen sich in einem kleinen Dorf, das westlich der berühmten Pilgerstadt gelegen ist.
Von hier aus führt der Weg als schmaler Trampelpfad zunächst in nördliche Richtung, um dann eine allmähliche Biegung nach Westen zu vollführen. Bastus, der die Gegend bereits früher einmal bereist hat, hat keinerlei Probleme, sich zurecht zu finden und führt seine Begleiter frohen Mutes an. Die Begegnungen mit Menschen oder gar organisierten Verbänden, wie es nahe Santiagos in Form einer Gruppe Templer des Ordens von Santiago einmal der Fall gewesen ist, werden zunehmend seltener. Während der drei Tage Fußmarsch zur Küste beginnt das Wetter aufzuklaren. Nach einiger Zeit zeigt sich gar die Sonne und es wird angenehm warm, was angesichts des zunehmenden Windes für gute Stimmung bei den Reisenden sorgt.
Das Kapp von Finis Terrae entpuppt sich als eine hoch über dem Meeresspiegel aufragende Steilklippe, an deren Fuße die Brandung tobt und rauscht. Der Ort selbst liegt etwa eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt von der westlichen Felskante, zu der hin sich die schmale Halbinsel zusehens verjüngt.
Man beschließt, zunächst das Kapp in Augenschein zu nehmen und dort nach der Höhle zu suchen, in der sich das gesuchte Schwert befinden soll und später, falls sich die Suche als erfolglos herausstellen sollte, im Dorf nach möglichen Hinweisen zu fahnden.
Die Westspitze könnte sich eindrucksvoller nicht darbieten: bei perfektem Sonnenschein thront das Gestein, das nur mit spärlicher Vegetation bewachsen ist und das dem Spiel der Gezeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit schutzlos ausgesetzt ist, rund 50 Meter über dem in ständigem Aufruhr begriffenen Wasserspiegel. Die steile Felswand macht im oberen Bereich einen durchaus begehbaren Eindruck, scheint weiter unten an mehreren Stellen jedoch beinahe senkrecht abzufallen und weist hier und dort sogar einige Überhänge auf.
Nach einem eingehenden Betrachten der imposanten Naturerscheinung fasst sich Emilio als erster ein Herz und beginnt - gesichert an einem Seil von Bastus - den Abstieg. Er klettert bravorös zunächst nach unten, später waagegerecht und schließlich wieder ein kleines Stück nach oben, um schließlich den schmalen Eingang zu einem kleinen Höhlengang zu entdecken. Coinneach, Morvan, Bastus, Sancho und Vassco folgen ihm, während Beppo mit Francesco hoch über ihnen an der Felskante die Stellung hält.
Im Lichte einiger Fackeln folgt die Gruppe dem engen und niedrigen, unbehauenen und sich stetig windenden Höhlengang, der schließlich vor einer Felswand endet. In der Mitte des toten Gangendes prangt erhaben das kreuzartige Symbol des heiligen Jakob, doch weder Drücken, noch Schieben sorgt dafür, dass sich die verborgenen und flehentlich herbei gesehnten Felsportale öffnen. Man endeckt neben einem senkrecht verlaufenden Haarriss einige, für einen Teil der Reisenden kaum wahrnehmbare, Insignien. Folgende Fakten glaubt man darin erkennen- bzw. daran ableiten zu können:
- Aufgrund der Form des Kapps könnte das Kreuz eine Draufsicht der hiesigen Landschaft darstellen und somit eine grobe Umgebungskarte repräsentieren.
- Der Stand des Mondes ist bei einer Phase markiert, die auf den Vollmond hindeutet.
- Der Meeresspiegel scheint bei einem niedrigen Stand - Ebbe - markiert zu sein.
- Die Lokalität eines Dorfes oder einer Stadt ist angedeutet. Merkwürdigerweise läge der Ort, wollte man der "Karte" Glauben schenken, jenseits der Klippe irgendwo südwestlich im Meer.
Alles scheint darauf hinzudeuten, dass bei einem bestimmten zeitlichen Fenster - Ebbe zu Vollmond - ein bestimmtes Ereignis eintritt, das mit einem mysteriösen Ort und möglicherweise dem Zugang zu der Höhle zu tun hat.
Die Expedition klettert an die Felskante zurück, wo man das Entdeckte mit Beppo bespricht. Da der Mond erst in acht Tagen voll sein wird, entschließt man sich, am nächsten Morgen erst einmal Erkundigungen in Finis Terrae einzuholen.
Während die anderen Reisenden in einiger Entfernung in ihren Zelten sitzen, vollführt Coinneach am Abend nahe der Steilklippe ein fremdartiges Ritual, um die Geister des Windes gnädig zu stimmen. Statt der erhofften Sylphen und Udinen nehmen jedoch Morvan und er während der Nacht ein kurzzeitiges Glimmen einige hundert Meter in südwestlicher Richtung unter der Wasseroberfläche war.
Morvan, Emilio und Vassco verlassen am nächsten Morgen den Rest der Gruppe, um in Finis Terrae Erkundigungen über die Gegend einzuholen. Die Menschen des Ortes, der sich aufgrund der kargen Vegetation hauptsächlich auf die Viehhaltung zu stützen scheint, erweisen sich den Fragen Morvans und Emilios gegenüber als überraschend aufgeschlossen und zugänglich. Ein junger Mann, Theo, gibt bereitwillig Auskunft über die nähere Umgebung und die hiesigen Gezeiten. Er berichtet von einem schmalen Trampelpfad, der seitlich der Klippen zum Wasser hinunter führe, weis jedoch nichts von einer Höhle oder Grotte. Auch der alte Luis, ein alter Mann mit einer faszinierenden Begabung Geschichten zu erzählen, erweist sich als freundlicher Gesprächspartner. Angesprochen auf Geschichten aus der Vergangenheit verweist Luis auf ein weiteres Dorf, das sich der Sage nach vor Äonen einmal am Fuße des Felsens befunden haben soll.
Beppo, Bastus und Francesco unternehmen während dieser Zeit eine waghalsige Kletterpartie hinunter zur Wasserlinie, wo sich Beppo einige Hinweise auf die hiesigen Gegebenheiten erhofft. Hierbei stürzt Bastus und kann nur mit Glück größeren Verletzungen entgehen. Beppo stellt durch Lotung fest, dass das Meer vor den Klippen steil und tief abfällt und dass die heimtückische, zuweilen reißende, Strömung ein Navigieren mit einem Boot beinahe unmöglich macht.
Am Abend, als man wieder gemeinsam in der notdürftig errichteten Zeltstadt sitzt, werden alle gewonnenen Informationen ausgetauscht. Es wird entschieden, dass man sich trotz des erheblichen Risikos nach einem Boot umsehen wolle, mit dem man die nächtlich fluoreszierende Stelle vor den Klippen zu beschiffen gedenke. Hierzu müsse man sich möglicherweise Aquam-Magie bedienen, um das Boot ruhig und auf Kurs zu halten und um von Bord aus Tauchgänge unternehmen zu können.
Zu diesem Zweck nehmen Bastus, Sancho und Coinneach einen längernen Fußmarsch entlang der Klippen nach Süden auf sich, wo sich laut Theo ein kleines Fischerdorf an einer weniger steilen Stelle der Küste befinden soll. Dort beabsichtigt man, ein kleines Boot zu mieten oder zu kaufen.
Während Coinneachs gänzlich fremdländisches Erscheinungsbild-, gepaart mit seiner mystischen Ausstrahlung, für nur wenig Gegenliebe bei einem der befragten Fischer sorgt, gelingt es Bastus schließlich, einen weiteren, betont entspannten, Ortsansässigen dazu zu überreden, ihnen sein altes Ruderboot zu verkaufen. Wenngleich alt, so scheint sich das Vehikel doch als schiffbar und seetauglich zu erweisen. Der Fischer weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass jeder Versuch, damit nahe der Klippen zu navigieren, verantwortungslos sei und reinem Selbstmord gleichkäme.
Obwohl keiner der beiden jemals zuvor ein Boot gesteuert hat, stimmen Bastus und Sancho ihre Ruderschläge erstaunlich schnell aufeinander ab und rudern das Boot problemlos einige hundert Meter von den Klippen entfernt in nördliche Richtung. Im Gegenzug scheitert Coinneach kläglich dabei, die beiden Muskelpakete auf arkanem Wege bei der Stabilisierung des Bootes zu unterstützen. Das selbe Missgeschickt beweist er bei dem Versuch, die hölzernen Bretter des Bootes zusammen zu flicken, was dazu führt, dass er sich hierfür später herkömmlicher Mittel - gekochtem Teer, den die Käufer von dem Fischer als Dreingabe erhalten haben - bedient, als die Ruderer das Boot am Abend erschöpft bei einem der wenigen anlandbaren Küstenstreifen an Land ziehen.