Kapitel 1: Ankunft in Galizien

Die folgenden Zeilen stellen nicht wirklich ein Schriftstück- (Coinneach nimmt nur in den seltensten Fällen eine Feder und Tinte zur Hand), sondern vielmehr eine in Text gegossene, gedanklich Reflektion des mysteriösen Merinita dar.

Es heisst, bei den Menschen hier im Süden handele es sich um rückratlose Barbaren, um Menschen, denen im Zuge soziologischer Konditionierung jede Form von Spiritualität abhanden gekommen sei, ertränkt in einer seelenlos-ruchlosen Religion, mit der sie alles und jeden zu messen versuchen, einem Glauben, der in unseren Breiten allenfalls in desolaten Klöstern Verbreitung findet.
Dies sind Seighinhs Worte. Und dennoch hielt er es für richtig, mich an diesen Ort zu entsenden, einen Ort kultureller Verbannung, dessen nüchternes Ambiente mich von den Übergriffen der Ostlinge ebenso bewahren soll, wie vor jenen, die in meinen Absichten und Werken die selbe Inkonsistenz wie in jenen meines Mentors vermuten.

Es ist kaum verwunderlich, dass die Vorurteile der Südländer, der sogenannten Iberier, meinem eigenen Volk gegenüber in ihrer Intensität und Vielfalt nicht minder ausgeprägt sind. Sie halten uns, die Kinder Erinns, die wir aus dem Nordwesten der Welt und dem Reich aus Wind und Sturm stammen, die wir alltäglich mit den Wundern der Natur umgehen, allabendlich mit den Göttern speisen und des nächtens unsere Auen mit den Fae teilen, für vorsintflutliche, prähistorische Klabauter, gefangen und gefesselt an Relikte der Bronzezeit, gekettet an Riten und Mystizismen eines, im sinken begriffenen, Zeitalters. Sie glauben, wir lebten jenseits der Nebel zwischen den Gezeiten, umspült und umschmiegt von Äonen, zeitlos und dennoch vergehend. Sie nennen uns Heiden, Ungläubige, und erheben ihre Kreuze gegen uns, um unsere Seelen, wie sie sagen, dorthin zurück zu treiben, wohin wir gehörten. Alternativ gestatten sie es uns, uns ihren Idealen zu unterwerfen.

Sie glauben, wir besäßen keine Zukunft.
Sie haben damit nicht ganz unrecht.

Ein Sommer nach der Iniziierung während des hibernischen Tribunals im Jahre 1200 - ein Jahr, dessen Zahl an der Geburt des Herrn, ihres Herrn, gemessen wird, nach einer Überfahrt über tosende Fluten, hinein in die Welt der unermüdlich gleißenden Sonne, lande ich in Galizien an. Atrium, jener Ort, den zur Fortführung meiner Studien zu besuchen ich ausgesendet worden bin, erweist sich als ein alter, ehrwürdiger Ort, zumindest, wenn man für diese Einschätzung iberische Verhältnisse zu Grunde legt. Das Gut, errichtet im Stile dessen, was man im Gedenken an Griechen und Römer klassizistisch zu nennen pflegt, wird zum Zeitpunkt meines Eintreffens von Quemada Filia Luca, einer Herrin der Künste mittleren Alters aus dem Hause Flambeau, geführt. Sie alleine gebietet derzeit über die Stätte des Wissens und seine mondänen Vasallen. Alle anderen ehemaligen Magier seien gegangen - zu Orten diesseits und jenseits der uns bekannten Grenzen.

Neben mir selbst sind noch drei weitere Adepten dem Rufe Quemadas nach einer personellen Beflügelung des im Sinken begriffenen Sterns Atrium gefolgt. Es scheint, als entstammten sie, trotz ihres grundverschiedenen Erscheinungsbildes, allesamt dem kontinentalen Festland, was mich nur mit begrenzter Erfahrung im Hinblick auf ihre spezifischen Kulturen zurücklässt. Doch sie alle wirken, was ihre Fertigkeiten im Umgang mit der Kunst betrifft, nicht viel erfahrener als ich selbst.

Ovotius mutet trotz seiner jungen Jahre wie ein alter, gebrochener Mann an, der unter Zuhilfenahme eines Stockes vorwärts hinkt. Seine erschreckende Physionomie ist zweifellos nicht zuletzt darauf zurück zu führen, dass er ein Theoretiker ist, ein Bonisagus, der kaum im hier und jetzt-, als vielmehr ausschließlich in der Welt der Bücher zu leben scheint.

Hassan, ein Verditius, ist ein kleinwüchsiger Zwerg maurischer Abstammung. Alleine seinem offen getragenen Schmuck nach zu urteilen, kann seine Familie beachtliches materielles Glück für sich verbuchen.

Darius aus dem Hause Tremere besitzt, den hiesigen Verhältnissen entsprechend, eine Haut mit bräunlicher Koloration. Er ist es, der nach dem Erwerb seiner Mitgliedschaft in Atrium das Amt des Bibliothekars bekleiden wird.

Nach einer kurzen, gründlichen Offenlegung der hiesigen Verhältnisse und Regeln von Seiten Quemadas gibt es trotz der vergleichsweise raren Vis-Vorkommen für keinen der potentiellen Bewerber Gründe, Atrium den Rücken zu kehren und seine Heimreise anzutreten. Selbst diejenigen unter den Neuankömmlingen, denen die Entscheidung, der neuen Residenz die Treue zu halten, zunächst schwer zu fallen scheint, entschließen sich letztlich zum Bleiben - möglicherweise nicht zuletzt aufgrund der Aussicht auf geräumige Laboratorien, das sich in meinem Fall als ein idyllisches, weit außerhalb Atriums gelegenes, über einem eilig dahinrauschen Fluss errichtetes, Sanktuarium entpuppt, das das allmählich einsetzende Heimweh zumindest aussatzweise zu kompensieren vermag.

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