Kapitel 8: Der Prozess der Zwillinge

Alles begann mit der überraschenden Abreise von Quemada nach Santiago. Es war wohl um den 21. November 1201 a.d., als den Magiern im Bund Atrium mittgeteilt wurde, daß Quemada nach Santiago abgereist war. Da sich kaum einer in Spanien auskannte, fragten sie nach und ihnen wurde gesagt, es würde in etwa 5 Tage die einfache Reise dauern. Inzwischen waren auch sechs Diener zum Helfen für den Aufbau der Zelle der Schwestern des Schweigens weggeschickt worden.
Da begab es sich, daß Tordus von Filius Argrippus vom Bunde Jaffaria einschließlich seines Gefolges dem Bund einen Besuch abstattete. Tordus selbst war ein kräftiger Mann fortgeschritten Alters, der sehr unfreundlich und dominant auftrat. Man mußte kein Hellseher sein, um zu wissen, daß dieser Mann ein Magier aus dem Hause Flambeau war. Sein Gefolge bestand aus zwei bewaffneten Leibwächtern und einem Diener, der sich vor allem um zwei Kinder kümmerte. Die Kinder waren Zwillinge namens Marco und Juliana und etwa sieben Jahre alt. Tordus hatte sie erst vor kurzem als seine Lehrlinge aufgenommen.
Kaum war der arroganter Tordus im Bund eingetroffen, da wollte er den Hausherren sprechen. Er war sehr ungehalten darüber, zu erfahren, daß die Hausherrin Quemada verreist war. Entsprechend dem Protokoll wurde nach den Stellvertreter Coinneach geschickt. Dieser war natürlich in seinem Labor, daß eine Stunde Fußmarsch von Atrium entfernt lag. Da Hassan die Nachricht zunächst persönlich Coinneach überbringen wollte, lief er los, ändert dann aber seine Meinung und schickt einen Diener. Sein Versuch, vorher Pepo Luciano als Gesellschafter für Tordus zu gewinnen, schlug kläglich fehl. Netter weise ließ sich Ovotius erbarmen und gab Tordus die Ehre seiner Gesellschaft. Dies vermochte Tordus nicht zu würdigen, vielleicht auch deswegen, weil Ovotius erst nach einer halben Stunde erschien. Ovotius lies sich auf der anderen Seite wieder nicht die Gehässigkeiten von Tordus gefallen. Als schließlich Hassan wieder eintraf, war die Stimmung bereits am Rande einer Auseinandersetzung. Hassan war sich wohl der Situation nicht richtig bewußt und stichelte Tordus kräftig weiter.
Ursprünglich wollte Tordus nur die Sachen seines Verstorbenen Bruders Flagrares abholen. Hassan wollte aber dessen magische Tasche nicht herausrücken. Es ging auch um das geklaute Drachenei und dessen Inhalt. Die Diskussion wurde schnell hitzig. Fulbertus, der in seiner Geistergestalt alles mit angesehen hatte, wollte schlichten, hatte dabei aber, auch wegen seiner Natur, kein Glück. Man sollte erwähnen, es ging bei allen Argumenten nicht um Geld sondern um Vis, Tierechte und magisch verzauberte Gegenstände. Da aber von keiner Seite stichhaltige Argumente vorgetragen wurden, drehte sich die Argumentation beider Seiten im Kreis. Dazu kam, daß Hassan während der hitzigen Aussprache immer mehr Details preisgab. Die offene Feindseligkeit brach schließlich aus, als sich Ovotius mit Hassan zurückzog, um sich heimlich zu besprechen. Kaum war Ovotius und Hassan zurück im Empfangsraum, gaben sich Tordus und Ovotius einen offen Schlagabtausch mit Beleidigungen aller ersten Ranges. Es kam zum Certamen zwischen ihnen.
Dieses Gewann Tordus meisterlich. Daraufhin zog sich Ovotius schmollend zurück und trat erst viel später wieder in Erscheinung. Während des Certamens, war in der Aufregung den Zwillingen es gelungen, dem wachsamen Augen des Dieners von Tordus namens Michell zu entfliehen.
Weil Coineach lange brauchte, um sich von Finnek seinem Hausdrachen, der Teil des Problems war, sich zu verabschieden, kam er genau zu diesem Zeitpunkt in Atrium an. Die Lage war sehr chaotisch und Coineach brauchte etliche Minuten um überhaupt zu verstehen, was geschehen war. In dieser Situation versuchte er das unmögliche, eine vernünftige Diskussion. Das war eine schlechte Idee, sogar eine sehr schlechte, denn sie endete mit einem zweiten Certamen zwischen Tordus und Hassan, welches Tordus überlegen gewann. Danach hatte Hassan eine kleine klaffende Wunde auf der Stirne.
Nach mehrstündigem Suchen und dem eher peinlichen Eingeständnis aller anwesenden Magier des Atriumbundes, keine Suchsprüche zu beherrschen, erbarmte sich Fulbertus die Kinder per Spruch zu lokalisieren. Zu seiner Überraschung fand er sie in seinem Labor. Als ein Diener los geschickt wurde, die Flüchtigen wieder Tordus zu bringen, verschwand Fulbertus und befragte die Kinder in Ruhe. Dies gelang ihm, weil er sehr viel schneller in seinem fünfzehn Gehminuten entfernten Labor ankam, als der Diener. Offensichtlich rührte ihn das Schicksal der Kinder zu tiefst, was ihn dazu verleitete von seinem Bonisagus-Recht gebrauch zu machen, Zauberlehrlinge anderer Magier zu adoptieren.
Dem Leser möchte ich an dieser Stelle raten, sich zu setzen.
Fulbertus, bisher nicht gerade erfolgreich in seinen damaligen Schlichtungsversuchen, versuchte nun was?
Eine vernünftige Diskussion über seine Rechte als Mitglied des Hauses Bonisagus. Tordus argumentiert mit dem Ableben von Fulbertus, wodurch alle seine Rechte erloschen wären. Das Ergebnis des sehr heftigen Disputes ist nicht größer, als das der anderen Diskussionen und man einigte sich auf die Anrufung eines Richterspruches des Hauses Guernicus.
Der nähste Orden dieses Hauses lag in Duresca, was etwa eine zehntägige Reise bedeutete. Auf diese Reise begaben sich am 29. November neben Tordus mit seinem Gefolge auch Fulbertus und Ovotius, sowie einige Leibwächter des Atriums, unter diesen waren auch Emilio und Soazig . Man schickte zunächst einen berittenen Boten voraus, um die Ankunft anzukündigen. Dies Reise selbst war wenig spektakulär.
Duresca ist ein leicht befestigtes kleines Dorf mit etwa einhundert Einwohnern, das malerisch auf einem kleinen Hügel lag. Der Bund bestand aus sieben Magiern aus dem Hause Guernicus, von denen ein Mann Namens Baruch das Oberhaupt war und dessen Stellvertreterin Legera hieß. Diese hatten zum Schutz vor ungebetenen Gästen eine magische Barriere um ihren Bund errichtet. Dieser Schutzwall verhinderte, daß Fulbertus den Bund betreten konnte, wodurch die Verhandlung in eine kleine Siedlung außerhalb verlegt werden mußte. Nachdem alle gespeist und gebadet hatten, zog man sich zum schlafen zurück.
Am nächsten Morgen begann die Verhandlung in der Stube eines Bauernhauses zum Fuße des Hügels auf dem Duresca lag. Anwesend war Legera, diese hatte den Vorsitz im Verfahren. Als Beisitzerin war die junge attraktive Tresmelia noch anwesend. Dazu waren noch beide Parteien vertreten, durch Tordus auf der einen Seite, sowie Fulbertus und Ovatius auf der anderen Seite. Zunächst bezahlte Tordus die Gebühr des Verfahrens, anschließend informierte Ovatius Legera über die Situation. Danach hielt Tordus und anschließend Fulbertus ihr Plädoyer. Tordus der sich auf der Reise offensichtlich sehr gut vorbereitet hatte, schaffte in klar umrissenen Argumenten seine Zweifel an der Vollwertigkeit Fulbertus als Magier darzulegen. Kernpunkte waren die nicht vorhandene Körperliche Gestalt Fulbertus, seine geisterhaften Eigenschaften und sein unglaubwürdiges Alter. Fulbertus aber, der sich nur mangelhaft, wenn nicht gar nicht vorbereitet hatte, versuchte diese Argumente zu entkräften durch den Verweis seiner magischen und physikalischen Fähigkeiten. Ergänzend betonte er, daß er immer noch am Leben wäre und auch nie aus dem Hause Bonisagus ausgeschlossen wurde, wodurch sein Recht des adoptierens von Zauberlehrlingen anderer Magier immer noch in Kraft wäre.
Um einige Fakten zu sammeln, untersuchte Legera die Erscheinung Fulbertus mittels eines Zauberspruches, nach dessen Einwilligung. Danach entschied sie, daß Fulbertus zu wenig ein natürlicher Mensch wäre, um ihn als Magier anzuerkennen. Somit wären seine Rechte nicht mehr gültig und sprach die Zwillinge Tordus zur Erziehung zu. Aber Legera wäre keine erfahrene Magierin des Hauses Guernicus gewesen, wenn sie nicht noch Hintertüren in ihrem Richterspruch erwähnt hätte. So gestand sie Fulbertus zu, auf dem tiberischen Tribunal im Jahre 1207, diesen Fall zur Revision noch einmal vorzubringen. Darüber war wiederum Tordus nicht glücklich, aber weder Fulbertus Einsprüche noch Tordus Zweifel, konnten Legeras Meinung ändern.
Die Kinder durften sich noch einmal von Fulbertus verabschieden, was zu einer herzzerreißenden Szene führte und Fulbertus veranlaßte diese Gelegenheit zu nutzten, um beide, trotz eines Handgemenges aller beteiligten, in sein Labor zu teleportieren. Legera war außer sich. Tordus kochte so sehr vor Wut, daß er überhaupt nichts hervorbrachte, ein vermutlich sehr seltenes Phänomen in seinem Leben. Ovotius versuchte Fulbertus zur Einsicht zu bringen, doch alle seine Bemühungen waren vergebens. Erst als Legera drohte Fulbertus auch das Einspruchsrecht abzuerkennen, konnte man ihn bewegen die Kinder an Tordus zu übergeben, in der Form, daß diese in Jaffaria sind, bis Tordus dort eintrifft. Dies wiederum zeigte, wie geschickt der Schiedsspruch war, weil immer noch eine Möglichkeit für den Verlierer vorhanden war, rechtmäßig zu gewinnen, hatte man ein Druckmittel gegen ihn. Tordus, der nicht vollkommen glücklich über den Ausgang und den Hergang der Verhandlung war, reiste noch am gleichen Tag ab. Fulbertus wurde unsichtbar und ging auch nach Hause.
Ovotius, der Legera schon länger kannte, wandte sich an Legera und besprach eine persönliche Angelegenheit mit ihr, noch während sie gemeinsam mit Tresmelia zurück nach Duresca spazierten. Vermutlich hatte an diesem Tag Tresmelia ihre Fähigkeiten im Bereich Order of Hermes deutlich gesteigert..

Pie powered